Seit Anfang der 2000er Jahre praktiziere ich Streitschlichtung mit Schulklassen und biete Fortbildungen für Lehrer*innen und Erzieher*innen zu diesem Thema an. Als besonders wertvoll erwies sich dabei die Gewaltfreie Kommunikation nach M. Rosenberg. Später begegnete mir die dialogische Haltung und mit ihr die Möglichkeit, behutsam und kraftvoll zugleich Raum zu schaffen – Raum für ehrliche Äußerungen, neue Gedanken und für Gefühle, deren Ausdruck Bewegung in erstarrte Situationen bringen kann.

Aus alledem hat sich mit der Zeit der Ansatz ALLE WETTER entwickelt – eine Gesprächsform, mit deren Hilfe es gelingt, mit Schulklassen, Hortgruppen, Wohngruppen, Teams usw. über wichtige Themen in einen lebendigen Austausch zu treten. Ziel ist es, allen beteiligten Menschen  Gelegenheit zu geben, darüber zu sprechen, wie sie das Miteinander in der Gruppe erleben. Dabei sollen auch Konflikte aufgedeckt werden, ohne dass am Ende alle durcheinander reden oder schreien. So entsteht eine Atmosphäre, in der Wesentliches ausgesprochen und gehört wird – eine wichtige Voraussetzung um kreative Lösungen zu finden und künftig besser miteinander zu klarzukommen.

Wie schon erwähnt, beruht ALLE WETTER auf der dialogischen Haltung und setzt auf entsprechende Vorgehensweisen. Um adequat auf akute Konflikte und damit verbundene Emotionen einzugehen, fließen darüber hinaus auch Elemente der Gewaltfreien Kommunikation ein.

Der zeitliche Rahmen für ein solches Gruppengespräch beträgt 90 Minuten. Dabei wird vorausgesetzt, dass dies immer nur der Anfang eines Prozesses sein kann. Erst wenn diese Art der Verständigung mehrmals stattfindet oder – noch besser – zu einer regelmäßigen Veranstaltung wird, stellen sich nachhaltige positive Veränderungen im Miteinander und in der Kultur des Umgangs mit Konflikten ein.

Sprechgegenstände, Klangschale und Dialogregeln in einer Schatzkiste

Wie läuft ein ALLE-WETTER-Gespräch ab?

Die Gruppe sitzt in einem Stuhlkreis um eine gestaltete Mitte – bei Kindern auch gerne eine geheimnisvolle Truhe, in welcher sich magische Gegenstände (Klangschale, Redegegenstände sowie ein Pergament mit drei Gesprächsregeln) befinden. Diese werden nacheinander vorgestellt und kurz erläutert. Dann werden Kärtchen mit Wettersymbolen verteilt, verbunden mit der Bitte, anonym jenes Symbol anzukreuzen, welches eine Antwort auf die Frage „Wie geht es dir in deiner Klasse (bzw. Gruppe)“ darstellt. Das Ergebnis dieser Umfrage wird in Form einer Strichliste an der Tafel abgebildet, so dass ein erstes Stimmungsbild darüber entsteht. Hier ergeben sich in der Regel schon aufschlussreiche Gespräche.

Anschließend wird der Frage nachgegangen, was genau hinter all den Sonnen und Wolken steckt, die da in der ersten Phase angekreuzt wurden. Die Teilnemer*innen schreiben Stichpunkte auf Sonnen- bzw. Wolkenkarten: Auf die Sonnenkarten kommt das, was Freude bereitet und auf die Wolkenkarten das, was nervt, ärgert oder traurig macht.

Die Karten werden dann von den Prozessbegleiter*innen vorgelesen – möglichst unkommentiert und mit kleinen Momenten von Stille dazwischen. Erfahrungsgemäß entfaltet sich hier schon eine enorme Wirkung, auch wenn die Schüler*innen erstmal nur zum Zuhören angehalten sind.

Die Wolkenkarten werden schon während des Vorlesens grob sortiert, damit im Anschluss daran Überschriften bzw. Themen formuliert werden können. Mittels Klebepunkten, welche die Kinder und Jugendlichen auf diese Überschriften setzen, wird dann eine Entscheidung getroffen, welches Thema in der verbleibenden Zeit besprochen werden soll.
Hier kommt der Dialog ins Spiel: Ein Sprechgegenstand geht von Hand zu Hand* und die Teilnehmenden sind eingeladen etwas zu diesem Thema zu sagen – wie er oder sie es erlebt, was es für ihn oder sie bedeutet usw. Natürlich achten die Dialogbegleiter*innen konsequent darauf, dass nur diejenige mit dem Gegenstand in der Hand spricht.

Eine Besonderheit dabei ist, dass ich als Dialogbegleiter einen eigenen „privilegierten Sprechgegenstand“ (in der Regel ein Herz) vor mir liegen habe, den ich vor allem dann benutze, wenn sehr emotionale bzw. stark wertende Beiträge kommen: Ich trete dann in einen empathischen Dialog (im Sinne des Rosenberg-Modells) mit der Teilnehmer*in, achte aber darauf, dass das nicht zuviel Zeit und Raum einnimmt.
Haben alle etwas gesagt, geht der Gegenstand in die Mitte und von nun an wird er aus der Mitte genommen und wieder zurückgelegt von denen, die noch etwas zum Thema sagen möchten.
In der letzten Phase werden auf kreative Weise Ideen gesammelt, wie man das Miteinander besser gestalten kann. Erfahrungsgemäß braucht es hiefür jedoch noch ein weiteres Gespräch.

Wo stehe ich gerade?

Mittlerweile führe ich kaum noch ALLE-WETTER-Gespräche direkt in Schulklassen oder Wohngruppen durch – mir liegt viel mehr daran, Lehrer*innen, Schulsozialarbeiter*innen und Erzieher*innen dieses Modell an die Hand zu geben, damit sie es variantenreich zum Einsatz bringen und damit zu einem wertschätzenden und dialogischen Miteiander in ihrer Schule oder ihrer Kinder- und Jugendeinrichtung beitragen. Seit Anfang 2019 führe ich deshalb in meiner Region Tagesseminare zum ALLE-WETTER-KONZEPT durch. Nach der Corona-Pause gibt es nun wieder immer mehr Nachfrage nach den zweitägigen Fortbildungen. Darüber hinaus plane ich für 2021 fünftägige Vertiefungsseminare für jene Pädagog*innen, welche bereits an einer 2-Tagesveranstaltung teilgenommen haben und mit der dialogischen Haltung und der Gewaltfreien Kommunikation weitergehen wollen – oder sogar zum ALLE-WETTER-Multiplikator*innenteam dazustoßen möchten: Derzeit entsteht ein Team von Prozessebegleiter*innen, die Seminare in Schulen, Horten, Wohngruppen usw. abhalten werden. Gemeinsam mit ihnen möchte ich das Konzept weiterentwickeln und die verschiedenen pädagogischen Felder anpassen. Ich sehe darin einen Weg, dialogische und partizipative Formen der Verständigung in Schule und anderen pädagogischen Feldern zu kultivieren. Natürlich soll auch das Miteinander in diesem Team dem „Geist“ des ALLE WETTER-Ansatzes entsprechen und von Klarheit, Empathie und dialogischer Qualität geprägt sein.

Derzeit führe ich Gespräche mit interessierten Menschen und Institutionen, um die geeignete Anbindung für ALLE WETTER zu finden und Kooperationen anzubahnen.

Bei Interesse nimm doch bitte mit mir Kontakt auf: buero[at]andregoedecke.de* In Zeiten von Corona kann dies auch ein „unsichtbarer Gegenstand“ sein. Eine andere Möglichkeit besteht darin, dass jede*r Teilnehmende einen persönlichen Sprechgegenstand vor sich liegen hat.

Foto: André Gödecke