Vor einiger Zeit war ich als Prozessbegleiter für einen Dialogkreis mit GrundschullehrerInnen und HorterzieherInnen in meiner Heimatstadt engagiert. Die PädagogInnen waren unzufrieden mit dem oftmals von Frust und Vorurteilen geprägten Verhältnis zwischen beiden Professionen und den daraus resultierenden Reibungsverlusten in der täglichen Zusammenarbeit bzw. Nicht-Zusammenarbeit. Sie wollten mehr voneinander hören und gemeinsam darüber nachdenken, wie Austausch und Kooperation künftig besser gelingen können.

Zu Beginn der Gesprächsreihe lud ich die Beteiligten dazu ein, in zwei Gruppen mithilfe verschiedener Materialien jeweils eine Insel zu erschaffen: eine Insel namens „Hort“ – gestaltet von den ErzieherInnen und eine Insel namens „Schule“ – gestaltet von den LehrerInnen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Schatz, denn schließlich ist so eine Insel ja viel interessanter, wenn dort irgendwo ein vergrabener Schatz schlummert.

Eine Phase emsigen Werkelns begann und ich wartete gespannt auf die Vorstellung der Ergebnisse:
Die Hort-Insel präsentierte sich bunt und vielfältig – Spiel und soziales Lernen hatten auf ihr ebenso einen festen Platz wie Kreativität und ein weit gefasster Bildungsbegriff. Leider wurde die Idylle etwas getrübt durch allerlei schwierige institutionelle Rahmenbedingungen.
Die Schul-Insel dagegen kam als ein auffallend schroffer Ort daher, geprägt von Personalmangel, Dauerbelastung und jeder Menge müssen. Eine dunkle Symbolfigur namens „Kultusminister“ thronte über all dem und bürdete den sowieso schon gestressten PädagogInnen immer neue zusätzliche Aufgaben bürokratischer Natur auf.
Etwas beklommen fragte ich nach dem Verbleib des Schatzes – und erntete erstmal nachdenkliches Schweigen … Doch plötzlich huschte ein Lächeln über das Gesicht einer Schulleiterin: Der Schatz, das sind diese vertrauensvollen Gespräche zwischen Kindern und Lehrern, welche in der Regel außerhalb des Unterrichts stattfinden! Hier geht es um persönliche Themen, hier spielen Gefühle eine Rolle! Dabei agieren wir weniger aus unserer Lehrerrolle heraus, sondern begegnen uns eher „von Mensch zu Mensch“. Hier – so die Frau wörtlich – hat an der Schule die Menschlichkeit ihren Ort.

Als Dialogprozessbegleiter ist es meine Aufgabe, in Teams, Familien oder Gemeinschaften Gespräche zu initiieren, in denen sich ein Wechselspiel aus Sprechen von Herzen und achtsamem Zuhören entfaltet. So stellt sich etwas ein, das der Philosoph Martin Buber als den „Atemraum des echten Gesprächs“ bezeichnete. Solche Momente sind erfahrungsgemäß oft der Schlüssel für ein gedeihlicheres Miteinander und gelebte Vielfalt.
Von Anfang an beschäftigte mich dabei auch die Frage, wie sich solche Formen dialogischer Verständigung auch in unseren Schulen erreichen lassen:

Wie lässt sich jene Gesprächsqualität, von der die Schulleiterin sprach, verwirklichen – und zwar im „regulären“ Schulgeschehen und nicht nur bei informellen, sich mehr oder weniger zufällig ergebenden Gelegenheiten?

Schließlich verbringen sowohl die Kinder und Jugendlichen als auch die PädagogInnen einen großen Teil ihrer Lebenszeit in dieser Institution, und die Qualität der Beziehungen, das Schulklima, das Miteinander in der Klasse, sind von entscheidender Bedeutung für ihr Wohlergehen und ihre persönliche Entwicklung!

Leider erschweren an den meisten Schulen immer noch Leistungsdruck, ein fragmentiertes Bildungsverständnis sowie eng getaktete Abläufe die Herausbildung von Gemeinsinn und verbindender Gesprächskultur. Konkurrenzdenken (leider oftmals schon im Grundschulalter), Mobbing und Machtspiele zwischen SchülerInnen und LehrerInnen sind nur einige der Phänomene, welche aus dieser Verfasstheit unserer Schulen resultieren – und die Veränderung zum Besseren vollzieht sich immer noch äußerst schleppend.

Ich plädiere dafür, nicht darauf zu warten, bis die Transformation an unseren Schulen irgendwann endlich so weit vorangeschritten ist, dass Formen wertschätzender Verständigung automatisch und ohne größere Widerstände möglich sind. Vielmehr möchte ich Sie als PädagogInnen dazu ermutigen, auch unter den derzeit gegebenen Bedingungen Schritt für Schritt immer mehr Räume dafür zu schaffen – und damit selbst zu einem Teil des ersehnten Wandels zu werden!
So kann jene Menschlichkeit, von der die Schulleiterin im Dialogkreis sprach, in Ihrem pädagogischen Alltag immer mehr zum Tragen kommen. Aber auch Partizipation und demokratische Bildung fänden vermehrt Eingang ins System Schule – und so eine wichtige Voraussetzung für das Weiterbestehen unserer mittlerweile von immer mehr Seiten bedrohten offenen Gesellschaft.

Um das Insel-Bild nochmal aufzugreifen: Wenn der Schatz also vielerorts noch in unwegsamem Gelände unter allerlei Geröll verborgen schlummert, braucht es eine gute Schatzkarte. Der Alle-Wetter-Ansatz bietet eine solche Karte im Sinne einer genauen Wegbeschreibung für das Erreichen einer wertschätzenden Dialogkultur in Gruppen.  Da aber bekanntermaßen die Karte nicht das Gebiet ist, braucht es jedoch noch etwas mehr, um in rauer Umgebung nicht vom Wege abzukommen: eine Art inneren Kompass, dessen Ausrichtung sich aus unserer Haltung und unserem Menschenbild speist.

 

Prozessbegleitung nach dem Alle-Wetter-Ansatz – Methode oder Haltung?

Der Spagat zwischen dem Ziel eines wertschätzenden Miteinanders im Schulalltag einerseits und die Berücksichtigung jener, an vielen Schulen herrschenden, schwierigen Rahmenbedingungen andererseits, sorgt dafür, dass der Alle-Wetter-Ansatz in einem Spannungsfeld von Sowohl-als-auch angesiedelt ist:  Sowohl  eine achtsam-dialogische Haltung, die sich althergebrachten pädagogischen Vorstellungen von „funktionierenden Kindern“ widersetzt, als auch ein pragmatisch-strukturiertes  Vorgehen, angelegt auf die Dauer von 90-Minuten-Doppelstunden, um den üblichen Rahmenbedingungen des Schulalltages Rechnung zu tragen.

Natürlich braucht es auch eine grundlegende Diskussion über die Zukunft unseres Schulsystems, aber mindestens ebenso wichtig ist es, mit neuen Ansätzen vor Ort einen  Unterschied zu bewirken. Der Sozialwissenschaftler Harald Welzer legt in seinem Buch „Alles könnte anders sein“ dar, dass Zukunftskonzepte, und seien sie noch so vielversprechend, nur dann etwas taugen, wenn sie sich im Alltag auch wahrnehmbar bewähren – und damit den Beteiligten einen zu weiteren Veränderungen anstiftenden Vorgeschmack auf die Zukunft geben. (Q)

Der Alle-Wetter-Ansatz für Kreisgespräche mit Gruppen hat sich in einer langjährigen Praxis von Mediation und Prozessbegleitung in Schulklassen entwickelt, deren Miteinander als problematisch wahrgenommen wurde – von den LehrerInnen, den Eltern oder den Kindern und Jugendlichen selber. Ausgangspunkt war von Anfang an die Frage, wie unter den Bedingungen des Schulalltages ein Raum geschaffen werden kann, in dem alle Stimmen gleichwürdig Platz haben können – ein Raum, der dazu einlädt, wesentliche Gedanken und Gefühle auszusprechen.
Als Gelegenheiten für solche Gruppengespräche eigneten sich sogenannte Klassenleiterstunden, aber auch Projekttage, welche im Zeichen von Aktivitäten zur Stärkung der Sozial- und Konfliktkompetenz standen. Die Herausforderung bestand meistens darin, „zum Punkt zu kommen“ und in der vorhandenen Zeit einen Wandel der Stimmung in der Klasse zu bewirken. So kommt es, dass die Vorgehensweise von Alle-Wetter-Kreisgesprächen recht strukturiert und methodisch präzise daherkommt.

Gleichzeitig – und darin besteht der oben erwähnte Spagat – beruht die Wirksamkeit dieses Ansatzes weniger auf eben jenen methodischen Aspekten. Alle Wetter entfaltet seine Wirkung vor allem auf der Grundlage einer dialogischen Haltung. Erst, wenn diese innere Haltung durch jene Personen, die den Prozess begleiten, in der Tiefe verstanden und (vor)gelebt wird, entsteht ein Atmosphäre, in der die beteiligten Personen spüren, dass es hier tatsächlich um sie geht, dass es sich lohnt, sich ehrlich mitzuteilen, anderen aufmerksam zuzuhören und sich mit konstruktiven Ideen in die Gestaltung des künftigen Miteinanders einzubringen.